Die win-win-win Chance der Innendämmung

Aufwendig gestaltete historische Fassaden sind meist ein Hindernis für umfassende thermisch-energetische Maßnahmen. Das Forschungsprojekt „Gründerzeit mit Zukunft“ www.gründerzeitplus.at zeigt mit Demo-Projekten in Wien wie es gehen kann. Der Baustoff Fachhandel sollte das zukunftsträchtige Geschäftsfeld der Innendämmung nicht links liegen lassen. Aber Vorsicht: Fach Know how und Beratungskompetenz sind hier ganz besonders gefordert, mahnt Franz Roland Jany von der GDI, Gemeinschaft der Dämmstoff Industrie ein.

HISTORISCHE BAUKULTUR VERSUS KLIMASCHUTZ

Gründerzeithäuser und -villen sind aufgrund ihrer kunsthistorischen Bedeutung ein erhaltenswertes Zeugnis unserer abendländischen Baukultur. Sie sind vor allem durch ihre oft prunkvollen Fassaden und unterschiedlichen Stilelemente bewahrenswert. Aber sind für Eigentümer und Mieter die Heizkosten auch noch leistbar? SCHLECHTE ENERGETISCHE QUALITÄT VON GRÜNDERZEITGEBÄUDEN Entgegen der landläufigen Meinung ist der Energieverbrauch von Gründerzeithäusern hoch. Der Heizwärmebedarf (HWB) liegt bei rund 120 bis 160 kWh/ m2a. gegenüber dem heutigen Neubau- Mindeststandard mit rund 50kWh/m2a. Die rund 600.000 gründerzeitlichen Wohneinheiten stellen fast 20 Prozent am Österreichischen Gesamtbestand dar. Dieses Gebäudesegment sollte also aus Gründen der Komfortverbesserung und des Energie- und Klimaschutzes auch genutzt werden. Ein Aspekt, weshalb thermisch-energetische Verbesserungen bei solchen Häusern bisher oft gescheitert sind, ist die bauschadenssichere Sanierung von historischen Fassaden und deren Bauteilanschlüsse. SPANNUNGSFELD UNTERSCHIEDLICHER ANFORDERUNGEN Gerade im innerstädtischen Bereich stehen innovativen Modernisierungsmaßnahmen und Sanierungskonzepten oft besondere Hemmnisse im Weg, wie z. B. Denkmalschutzbestimmungen bzw. Auflagen für städtische Schutzzonen, aber auch Limitierungen im Mietrecht, Bautechnikverordnung sowie organisatorische Barrieren. Sie machen es schwierig, die vorhandenen Potentiale zu heben. Das Projekt „Gründerzeit mit Zukunft“ www.gründerzeitplus.at. hat nun im Rahmen des Forschungsprogramms „Haus der Zukunft Plus“ Ergebnisse mit innovativen technischen und organisatorischen Lösungen erarbeitet. Ziel ist es, durch die in der Praxis erprobten Lösungen weitere thermisch- energetische Modernisierungen an zu stoßen. Zusätzlich mit umfangreichen Machbarkeitsstudien zu technischen,ökonomischen und (miet-)rechtlichen Fragen wurden neue Komponenten und Systemlösungen entwickelt. Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudien sind dann in die Umsetzung der Demonstrationsprojekte in Wien eingeflossen. Der jährlich erforderliche Heizwärmebedarf konnte bei allen Projekten von rund 120 bis160 kWh/m2 auf unter 30 kWh/m2 reduziert werden. Ein umfangreiches Energie- und Komfort-Monitoring wird zwei Jahre lang die Ergebnisse dokumentieren. Zusätzliche Wirtschaftlichkeitsanalysen haben dieses umfangreiche Leitprojekt zur Modernisierung von Gründerzeithäusern abgerundet.

Fazit der Wirtschaftlichkeitsanalysen ist: Die umfassende Sanierung von Gründerzeitgebäuden ist im Rahmen der gegenwärtigen Mietrechtslage nur unter Inanspruchnahme von Fördermitteln wirtschaftlich darstellbar.

PRAXISTAUGLICHE INNEN - DÄMMUNG HISTORISCHER FASSADEN

Derzeit sind folgende Innendämmsysteme gebräuchlich:

  • Dampfdiffusionsdichte Systeme
  • Dämmsysteme mit Dampfbremse / feuchteadaptiver Dampfbremse
  • Dampfdiffusionsoffene und kapillaraktive Systeme

 

In der Praxis haben sich kapillaraktive bzw. diffusionsoffene Systeme bewährt. Dampfdiffusionsoffene Systemen sind z.B. Kalziumsilikatplatten, Dämmputze, Schilfrohrplatten mit Lehmputz oder Mineralschaum-, Holzfaser- und Korkdämmplatten. Dampfdiffusionsoffene Systeme können in der Tauperiode Feuchtigkeit aufnehmen und speichern. Bei den kapillaraktiven Systemen wird das Tauwasser in die Verdunstungszonen transportiert und dadurch können zu hohe Feuchtigkeitsgehalte verhindert werden. Für Innendämm-Materialien sind die Diffusionsoffenheit und speziell die kapillare Leitfähigkeit besonders wichtige Eigenschaften. Nur so kann Feuchtigkeit, von Außen (Witterungsschutz ist unzureichend, hohe Regenbelastung) und Kondensat von Innen, die an der Trennschicht Innendämmung / Wandbildner auftritt, rasch abgeleitet werden. Durch diese Eigenschaften kann Feuchtigkeit nach Außen und nach Innen abgeleitet werden. Besonderer Aufmerksamkeit bedürfen die Bauteil-Anschlüsse bei gegliederten Fassaden mit Innendämmung, wie Zwischendecken und dabei insbesondere der Balkenköpfe, den Zwischenwänden, oberster Geschoßdecke, der Kellerdecke und den Fensteranschlüssen. Hier sollten immer Experten mit bauphysikalischer Erfahrung zu Rate gezogen werden.

 

DIE WIN-WIN-WIN-CHANCE

Thermisch-energetische Sanierungen sind beispielhafte win-win-win Chancen im Sinne der Nachhaltigkeit. Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft profitieren gleichermaßen durch die vielfältigen positiven Effekte:

  • Bewohner profitieren durch zeitgemäßen Komfort, geringere Heiz- und Kühlkosten. Die Gesellschaft profitiert durch einen städtebaulich aufgewerteten und zeitgemäßen historischen Gebäudebestand.
  • Die Umwelt profitiert durch weniger Treibhausgase, weniger Ressourcenverbrauch und wird so ein wichtiger Bestandteil eines CO2-neutralen Gebäudesektors.
  • Die Wirtschaft profitiert einerseits durch mehr hochwertige Jobs mit hervorragend ausgebildeten Fachkräften sowie andererseits durch eine nachhaltige Aufwertung des historischen Gebäudekapitalstocks.

Autor:

Mag. Franz Roland Jany, MBA

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